Helmut Schmidt wird 95 Jahre alt

Dezember 23rd, 2013

Doku-Drama zu Helmut Schmidt: Geradeaus und nicht auf den Boden gucken

23.12.2013 ·  Wie man Fahrrad fährt und sich als Bundeskanzler hält: Das ARD-Doku-Drama „Helmut Schmidt – Lebensfragen“ zeigt den Altkanzler als Respektsperson der Deutschen. (Quelle: F.A.Z.)

Hierzu die Leser-/Zuschauermeinung dieses Blogs:

Warum macht man einen Film über einen Menschen, von dem man meint, schon alles zu wissen?

Gute, wichtige Frage – und Giovanni Di Lorenzo beantwortet sie nicht, hilft den Fimemachern von NDR und MDR kaum bei der Beantwortung. So viel Vorhersehbares, so viel Offenbares, Helmut Schmidt in den Mund gelegte Antworten, vorgekaute Allgemeinplatzfragen…
Nicht Schmidt sind seine Antworten vorzuwerfen, sondern Di Lorenzo seine Fragen. Er, der Frager, sollte es besser gekonnt haben, aber statt dessen gibt er sich zu oft zufrieden mit seinen eigenen Bemerkungen wie “Das wäre jetzt meine nächste Frage gewesen”.
Schade, denn so war die Interview-Dokumentation mit Spielszenen kaum überzeugend, so diente sie kaum dazu, den Menschen Schmidt wie auch die Respektsperson besser und anders darzustellen als je zuvor. Schmidt selbst wird die Produktion “abgesegnet” haben, was aber nicht zwangsläufig heißen muß, daß er sie gelungen fand. Er hätte, so glaube ich, ein besseres Geburtstagsgeschenk vom ÖRR verdient.

Anmut im kreativen Chaos – Schmuck und fröhliches Durcheinander

Dezember 23rd, 2013

Ein Empfang wie bei einer guten Freundin: die Schmuckgestalterin Jutta Amling begrüßt uns gut gelaunt in ihrem kleinen, liebevoll gestalteten Reich. Offenes Fachwerk, das Wohnzimmer und Werkstatt mehr verbindet als trennt. Alte Möbel, bunte Bilder an den Wänden – jeder Winkel des Raumes zeigt die Handschrift der Kunsthandwerkerin, die hier lebt und arbeitet. Während der Teekessel singt und die Morgensonne durch die Fenster scheint, reden wir über Kunst, Schmuck, Bücher und, natürlich, über Jutta Amling selbst.

Apropos Handschrift: kürzlich, anlässlich der Ehrung Amlings durch die Stadt Gotha zitierte Oberbürgermeister Kreuch die Künstlerin Hannah Höch. Sie sagte, sie habe sich um Handschrift und Merkmal nie gekümmert. – „Eine Handschrift in dem Sinne habe ich letztendlich auch nicht.“, meint Jutta Amling. „Ich muss mich immer wieder neu erfinden.“ Tragbar muss ihr Schmuck sein, nicht nur ein schönes Teil für die Vitrine. Und Anmut vermitteln, Schönheit nachvollziehen, auch das soll ihr Schmuck.

Um das zu erreichen, ist sie offen für alle möglichen Einflüsse. „Ein Hauch Jugendstil ist sicher dabei“ – sie mag Blumenmotive. Ein Aquarell des Expressionisten Kandinsky kann sie ebenso inspirieren wie frische Fichtennadeln oder ein weggeworfenes Stück Plaste. Und nicht nur inspirieren: sie verwendet auch ungewöhnliche Materialien… aber nein, mehr wird nicht verraten – eigene Erfindungen, Künstlergeheimnis! „Ich mache es oft so, dass ich irgendwelche Dinge zusammenlege und sehe, dass das schön ist: man hat Freude daran und erkennt irgendetwas darin wieder.“

So, wie manche Dichter mit der Sprache spielen, so spielt die Künstlerin mit den Materialien, aus denen ihre Stücke entstehen. „Schmuck ist etwas Konkretes, hat immer einen Bezug zur Person wie auch zur äußeren Hülle“, beschreibt Amling ihr Handwerk.

Tausende Schmuckstücke hat sie in ihrem Leben schon gemacht. Gezählt hat sie sie jedoch nie, das wäre ihr zu anstrengend. Sie berichtet von drei Freundinnen, eifrigen Käuferinnen ihrer Schmuckstücke: „Die haben sich irgendwann mal zusammengesetzt und alles fotografiert. Ich habe gestaunt, wie viel auf einmal da war.“

Seit ihrer Jugend hat sie mit Mode und Schmuck zu tun, obwohl sie eigentlich Industriekaufmann lernen sollte. „Ja, es war eine bewusste Entscheidung, Schmuckgürtlerin zu werden“, erklärt sie den Beginn ihres Werdegangs. Früher machte sie viele Vorlagen für die Serienproduktion des VEB „Bijou“ (später VEB „Thüringer Schmuck“), viel Modeschmuck – damals war das noch keine Bezeichnung für billigen Ramsch aus Fernost. „Jetzt habe ich lieber Auftragsarbeiten und arbeite mit Leuten, die mich kennen. Ich finde das einfach schöner und interessanter“, meint Jutta Amling und fügt hinzu: „Dass man etwas zusammen hinbekommt, das finde ich wichtig.“

Sie zeigt uns einige Stücke aus ihrer Vitrine, öffnet ein Fotoalbum. Kein Kette, kein Anhänger und kein Ring ist wie der andere. Jedes dieser Einzelstücke hat ein eigenes Leben, eine eigene Geschichte. „Schmuck als Lebensgefühl: die individuelle Art“, zitiert sie aus einem Geburtstagskalender, den sie gestaltet hat – das könnte so ein Lebensmotto für die Künstlerin sein. „Oder“, denkt sie laut, „das Gefühl, eine gewisse Unabhängigkeit zu erreichen mit dem, wo und wie man lebt und was man macht.“

Gelassenheit ist Jutta Amling wichtig, innere Ruhe und äußerer Frieden. Leben und leben lassen. Sie nimmt zwar unvermeidliche Zwänge hin – klar, dass Strom und Telefon bezahlt sein müssen –, „aber wozu brauche ich für die paar Schritte im Garten gepflasterte Wege?“ sagt sie lachend. Sogenanntes „Unkraut“ im Garten? Das stört sie nicht: „Der Garten braucht seine Freiheit, genau wie ich.“ Ein bisschen Chaos veranstalten können: es ist einfach kreativer, wenn’s chaotisch ist. Da hat man immer etwas zu tun – entweder Aufräumen oder das Chaos umsortieren in eine Ordnung, die einem dann neu gefällt. Uns scheint das typisch für diese Frau: Fröhlichkeit, Offenheit und ein gesunder Pragmatismus. Irgendeinen „Leidensdruck“ hat sie nicht, sondern sie gestaltet ihr Leben so, wie es ihr bekommt.

Jutta Amling freut sich über kleine Dinge: die Sonnenblume, die sich vor ihrem Haus selbst angesät hat, die Ameisen, die ihren Staat auf wunderbare Art am Funktionieren halten. Oder Hühner, die auf den Bäumen schlafen: „Das hab’ ich in Indonesien gesehen, hätte ich hier am liebsten auch.“ Oder sie will sich eine Hütte im Garten bauen: ein abgeschiedenes Einraum-Refugium mitten im Leben.

„War’s das jetzt?“, zwinkert sie uns zu und dreht sich eine Zigarette. In dieser Werkstatt-Stube, an diesem Morgen trafen wir einen besonderen Menschen. Wir verlassen die Künstlerin mit dem Gefühl, dass da eine Frau lebt, die zufrieden ist mit dem, was sie hat und was sie kann.

(Erschienen im Allgemeinen Anzeiger am 18.12.2013)

Kirche in Not: Seit fast drei Jahren ist St. Peter und Paul in Tabarz das Opfer von Vandalismus – Jetzt kommt ein Zaun!

Dezember 23rd, 2013

Matzbemmen? Dreckspatzen? Nein, diese Bezeichnungen aus Kindertagen reichen nicht aus: Vandalen und Rowdies sind am Werk. In Tabarz an der Lesehalle, in Tabarz an der evangelischen Kirche. „So kann das nicht weitergehen“, sagt Pfarrer Kunze, „ die Gemeinde ist in der Pflicht!“ – Die Gemeinde? Nicht die Kirchgemeinde, die sich „nur“ um das wunderschöne Kircheninnere kümmern muss, sondern die Kommune Tabarz.

Worum geht es? Im alten Ortskern von Tabarz steht die fast hundertjährige Kirche St. Peter und Paul, hübsch gelegen am Schulplatz zwischen Laucha und Friedhof. Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein Bürgerverein gegründet, der für den Bau der Kirche Spenden sammelte. Im Mai 1914, nach nur zweijähriger Bauzeit, konnte die Kirche mit der schönen Ausstattung und dem schlichten Äußeren eingeweiht werden.

Seit nunmehr zwei oder drei Jahren, so berichtet Pfarrer Kunze, ist das Kirchengelände nicht nur Treffpunkt für die Gläubigen, sondern offenbar auch für Jugendliche, denen langweilig ist. Ein „beliebter Treffpunkt“ sei das, erfahren wir aus dem Rathaus. Da würde dann nicht nur gegessen und getrunken – die Überreste finden sich im Umfeld. Fenster und Wände werden beschmiert, mit sinnlosen Sprüchen und Krakeleien. Warum ausgerechnet an der Kirche? Warum überhaupt? Der Pfarrer ist ratlos.

„Ein Problem bei der Sache ist,“ sagt Kunze, „dass wir nicht die Eigentümer sind, sondern die Kommune Tabarz. Wir sind für das Innere der Kirche zuständig, und sonst eigentlich für nichts weiter.“

Stellt sich doch die Frage, warum die Schmierer seit Jahren nicht gesucht und gefunden wurden? Dafür wäre die Kommune zuständig, und sie hat „schon“ Mitte November 2013 Anzeige erstattet. Warum so spät? Musste erst der Pfarrer selbst Kontakt zur Bauverwaltung aufnehmen? Scheinbar ja – als wäre das Problem nicht seit langem sichtbar gewesen. Aber da sind wir schon beim nächsten Problem, wahrscheinlich auch bei einem Grund für das späte Eingreifen: Tabarz ist alles andere als „flüssig“, die Haushaltslage „angespannt“. Laut Auskunft der Bauverwaltung gibt es in der Stadt „vordringlichere Probleme“ – ein Schelm, der dabei z. B. an ein Spaßbad mit fünf Buchstaben denkt. Außerdem habe man gegen jugendliche Straftäter keine Handhabe: „Die können ja nicht mal zu Sozialstunden verknackt werden!“ – Wie auch, wenn sie nicht gesucht wurden? Wo kein Kläger, da kein Richter – und nur ein Richter könnte gemeinnützige Arbeit oder ähnliches anordnen.

Aber: es gibt ein Licht am Ende des langen Tunnels der Sachbeschädigung! Die Polizei verfolgt eine Spur, so die zuständige Kontaktbereichsbeamte Anfang Dezember im Gespräch mit der Stadt. Mehr kann „aus ermittlungstaktischen Gründen“ nicht gesagt werden. Nur so viel: es könnte ein Zusammenhang mit den Verwüstungen an der Tabarzer Lesehalle und anderswo (Ende Okt./Anfang Nov.) bestehen.

Pfarrer Kunze und sein Kirchgemeinderat können sich nicht darauf verlassen, dass die Sache damit quasi erledigt wäre. „Wir wollen uns nicht abgrenzen“, erklärt er, „aber uns bleibt keine andere Wahl: wir müssen das Kirchengelände einzäunen, sonst geht das immer weiter.“ Es geht ja nicht allein um die Sprüherei als solche – auch die Bausubstanz leidet. Die Kirche steht unter Denkmalschutz, und bei geschützten Gebäuden in öffentlichem Besitz schaut das Denkmalamt besonders genau hin. Was das bedeutet, kann man sich vorstellen: die Fassade muss nicht einfach nur frisch getüncht werden, sondern nach genauen Vorgaben saniert – und solche Vorgaben kosten den Bauherren natürlich jede Menge Geld. Geld, das die Kommune nur hat, „wenn der Haushalt es gestattet“ – und danach sieht es derzeit nicht aus.

Also hat der Kirchgemeinderat die Initiative ergriffen und wird den (eigentlich nicht gewollten) Zaun bauen lassen – die Genehmigung dafür hat die Bauverwaltung schnell erteilt. „Die Kirchgemeinde leistet praktisch anstelle der Kommune“, beschreibt Pfarrer Kunze den Hintergrund, „aber wir können das nur als Vorschussleistung ohne Eigentumsverzicht machen“. Der Kirchgemeinderat hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht, aber was hilft’s…

Vielleicht, so überlegt der Pfarrer, könnte man ja im Jubiläumsjahr 2014 wieder einen Kirchenbauverein ins Leben rufen. Die Bürger bewahren die Kirche, deren Bau sie vor 100 Jahren bezahlten – die Idee klingt gut, aber vielleicht muss es dazu nicht kommen. Hoffentlich. Ist die Polizei schneller?

(Erschienen im Allgemeinen Anzeiger am 11.12.2013)

Niederländischer Graf in Gotha hingerichtet – Musikalisches Drama im Kulturhaus

Dezember 23rd, 2013

„Geköpft! Das Wort hat mir gefehlt!“, nimmt der Belgier Michel Tilkin den Zuruf aus dem Publikum dankbar auf. Eben noch hatte er mit einer scharfen Handbewegung die Streicher angewiesen, dem Grafen Egmont mit einem schneidenden Geigenton den Kopf abzutrennen.

Nein, wir befinden uns nicht auf einem Mittelalterspektakel, sondern im Gothaer Kulturhaus. Und die Streicher sind keine Henkersknechte, sondern Musiker der Thüringen Philharmonie beim Kinder- und Jugendkonzert. Ihr neuer Chefdirigent erklärt dem jungen Publikum, wie Ludwig van Beethoven Egmonts Hinrichtung durch die Spanier musikalisch umsetzte. Spätestens jetzt hat er die Aufmerksamkeit gewonnen, und die Gymnasiasten hören gespannt zu, wie es weitergeht. Tilkin stammt aus dem flämischen Teil Belgiens, wo vor mehr als 400 Jahren Niederländer gegen Spanier kämpften. Und nun in Gotha spielt er außer mit seinem Orchester auch mit der Phantasie der Zuhörer, und es gelingt ihm: Kopfkino im Konzertsaal. Nicht nur die historische Hinrichtungsszene ist so mitzuerleben, Beethovens ganze Ouvertüre zu Goethes „Egmont“ wird musikalisch bebildert. Der Cellist spielt die Erkennungsmelodien, demonstriert den Unterschied zwischen Dur und Moll. „Vertikale Rhythmen für die Spanier, horizontale Rhythmen für die Niederländer“, erklärt der Dirigent die wichtigen musikalischen Gestaltungsmittel. Auch der heimliche Star im Saal, der junge Solopauker Bình Ngô (29), spielt einige Soli auf der Trommel und erntet dafür „Szenenapplaus“.

„Jugendliche sind kein einfaches Publikum,“ sagt Tilkin nach dem Konzert, „aber sie werden sich bestimmt daran erinnern.“ Und Rainer Suschka (Solo-Oboist) ergänzt: „Wenn es so läuft wie heute, dann haben wir es geschafft. Wichtig ist der Wiedererkennungswert.“

So hat im Kulturhaus nicht nur der Dirigent seinen deutschen Wortschatz erweitert („Geköpft!“), auch die Gothaer Schüler haben einiges gelernt und klatschen begeistert Beifall. Die Spielzeit-Premiere der Kinder- und Jugendkonzerte ist ein voller Erfolg geworden.

(Erschienen im Allgemeinen Anzeiger am 30.10.2013)

Ein Brief von Frau Merkel zur Wahl 2013, und eine Antwort

September 20th, 2013

Frau Merkel, gewählte und vereidigte Bundeskanzlerin bis zum 22. September 2013, hat einen Brief “An die Wählerinnen und Wähler” geschrieben. Sie schrieb:

Merkels Wahlbrief 2013

Merkels Wahlbrief 2013

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,
an diesem Sonntag ist Bundestagswahl. Sie entscheiden mit Ihrer Stimme darüber, welchen Weg unser Land in den nächsten Jahren gehen wird.
Deutschland hatte vier gute Jahre. Wir haben gemeinsam viel erreicht. Ich möchte, dass auch unsere nächsten Jahre gut werden. Dafür braucht es eine Politik, die gute Chancen für die Menschen schafft und sie nicht durch höhere Steuern und Abgaben belastet.
Ich möchte, dass wir ein Land sind, das sein ganzes Gewicht als stärkste Volkswirtschaft Europas als Partner und Mittler einsetzt – gerade jetzt in Zeiten der Krise. Ich möchte, dass wir ein Land mit soliden Staatsfinanzen und einem stabilen Euro sind. Ein Land mit besten Bedingungen für unsere Betriebe und mit sicheren Arbeitsplätzen, die gut bezahlt sind.
Ein Land, in dem wir die Familien weiter stärken und in dem wir unseren Kindern die besten Chancen bieten. Ich möchte, dass wir ein Land sind, in dem die Starken den Schwächeren helfen und Jung und Alt zusammenhalten. Dafür will ich weiter arbeiten. Dafür bitte ich um Ihr Vertrauen.
Wenn Sie möchten, dass ich weiter als lhre Kanzlerin arbeiten kann, dann gehen Sie bitte am Sonntag zur Wahl und geben Sie beide Stimmen der CDU.
Herzliche Grüße
Ihre Angela Merkel

Dieser Brief erforderte eine Antwort (schon aus Höflichkeit). Hier ist sie im Vorabdruck und wird Frau Merkel in den nächsten Tagen per Post zugehen:

Ihr Schreiben „An die Wählerinnen und Wähler“, im September 2013
Mir zugegangen per Postwurfspezialsendung am 20.09.2013
Sehr geehrte Frau Merkel,

natürlich konnten Sie nicht wissen, daß ich kein Anhänger Ihrer Politik (und der Ihrer gegenwärtigen Koalition) bin, sonst hätten Sie mir wohl nicht diesen Brief zustellen lassen. Nun ist er aber angekommen, und so will ich ihn beantworten.

Deutschlands „vier gute Jahre“ unter der angeblich besten Regierung seit der Wiedervereinigung, wie Sie nicht müde werden zu wiederholen: glauben Sie das wirklich? Sie haben Recht, wenn Sie schreiben, Deutschland bräuchte „eine Politik, die gute Chancen für die Menschen schafft und sie nicht durch höhere Steuern und Abgaben belastet“ – aber damit können Sie nicht wirklich Ihre Politik gemeint haben. Nur drei Beispiele: wo blieb die angekündigte Steuerreform (das „niedrigere, einfachere und gerechtere Steuersystem“); warum wird der Strompreis nicht begrenzt oder durch Senkung der Stromsteuer verbilligt (Ökostrom ist billiger als konventionell hergestellter, nur merkt der Stromkunde davon nichts!); warum haben Sie nicht die Mehrwertsteuererhöhung auf 19% zurückgenommen (das hätte die große Mehrheit der Bürger entlastet!) und statt dessen die ermäßigte Mehrwertsteuer ausgeweitet (statt das gesamte Mehrwertsteuersystem nach Unsinnigkeiten zu durchforsten)?
Sie sprechen unser Land „als stärkste Volkswirtschaft Europas“ an. Haben Sie sich aber auch einmal überlegt, was das von Ihnen so gern im Munde geführte „Wachstum, Wachstum, Wachstum“ in der Konsequenz für die Armen im In- und Ausland bedeutet? Ihr Physikerkollege Fritjof Capra (und nicht nur er) hat bereits in den 1970er Jahren darauf hingewiesen, daß das ungezügelte Wachstum der Volkswirtschaften ins Verderben führt und daß dringend ein Paradigmenwechsel nötig sei. Davon (von dem Paradigmenwechsel) ist in Ihrer Politik nichts zu erkennen, darüber täuscht auch Ihr planloser, nicht durchdachter Ausstieg aus der Kernenergie nicht hinweg.

„Sichere Arbeitsplätze, die gut bezahlt sind“: gute Bezahlung beginnt mit einem Lohn, der über Sozialhilfeniveau beginnt (und dort nicht stehenbleibt!) und mit einem Lohn, der durch ein gerechtes Rentensystem auch Sicherheit im Alter bietet. Was haben Sie wirklich dafür getan? Haben Sie dafür gesorgt, daß mehr Menschen unbefristet fest angestellt werden (die Betonung liegt auf „unbefristet“ und „fest“)? Haben Sie Zeit- und Leiharbeit so drastisch eingeschränkt und zurückgedrängt, daß sie Ausnahmeerscheinungen darstellen und nicht in manchen Branchen die Regel? Die rot-grüne Regierung hätte dieses Unwesen eingeführt, sagen Sie? Mag sein, aber hatten Sie nicht acht Jahre Zeit, das zu korrigieren?
Wenn Sie wirklich wollen, daß „die Starken den Schwächeren helfen und Jung und Alt zusammenhalten“, dann erhöhen Sie doch die Steuern für die wirklich Reichen, dann sorgen Sie doch dafür, daß diese (Menschen wie Unternehmen) ihre Steuern auch an ihrem Wohn- bzw. Unternehmenssitz bezahlen, dann ändern Sie das Erziehungs-, das Gesundheits- und das Pflegesystem so, daß Kinder und Jugendliche unabhängig vom elterlichen Einkommen lernen und daß Alte und Kranke menschenwürdig leben und sterben können, und so weiter …

Sehr geehrte Frau Merkel, Sie schreiben von vielem, das Sie möchten – fürwahr, ich möchte auch vieles. Aber Sie waren in der Position, nicht nur zu wollen, sondern auch zu können – und Sie haben deutlich weniger getan, als Sie vermocht hätten, dessen bin ich gewiß.
Ich zum Beispiel möchte, nachdem ich im Alter von 46 Jahren eine Weiterbildung mit Bestnoten absolviert habe, endlich eine unbefristete, vernünftig bezahlte Stelle haben, aber beides ist nicht zu haben. Dabei kann ich nicht finden, daß das zuviel verlangt wäre, aber das System, das Sie nicht verbessert haben, läßt es nicht zu, daß hochmotivierte Menschen wie ich sich so um andere kümmern, wie diese es verdienen. Statt dessen sollen Pflegekräfte aus dem Ausland angeworben werden – was für ein Aberwitz!

Nein, Frau Merkel, ich möchte nicht, daß Sie weiter als „meine“ Kanzlerin arbeiten – ich habe Sie noch nie gewählt und werde es auch in diesem Jahr nicht tun.

Mit freundlichen Grüßen.

Zum Tode eines großen Deutschen – Marcel Reich-Ranicki (1920-2013)

September 18th, 2013

Im Minutentakt erscheinen Artikel über dieses Ereignis. Die Medien überschlagen sich mit ihren Nachrufen, und einige Schreiber haben sicher recht, wenn sie sagen, daß wir noch gar nicht ermessen könnten, was für ein Verlust der Tod dieses Mannes für Deutschland und die Welt ist.

Reich-Ranicki Signatur

Reich-Ranickis Unterschrift

Wir sind auch traurig, und zugleich doch sehr dankbar. Und gerade deshalb soll hier nicht noch einer unter den vielen Nachrufen erscheinen.
Wir greifen aus den jüngsten Veröffentlichungen nur eine heraus, einen Artikel des “Spiegel“, der uns bemerkenswert erscheint. Unter den “Stimmen zum Tode von Marcel Reich-Ranicki” sind diejenigen von

  • Thomas Gottschalk (“mit dem Marcel Reich-Ranicki [...] freundschaftlich verbunden war”)
  • Joachim Gauck
  • Angela Merkel
  • Hellmuth Karasek
  • Frank-Walter Steinmeier
  • Guido Westerwelle und
  • den Grünen

Erstaunlich, wie Reich-Ranitzki, bekannt für seine Unbestechlicheit und Unabhängigkeit, nun von allen möglichen Seiten vereinnahmt werden soll…

Traurig. Und bezeichnend.

 

Kritik an Steinbrück wegen DDR-Äußerung

August 9th, 2013

FAZ.NET vom 06.08.2013: ·  “SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück ist der Meinung, er habe noch nie eine echte europäische Rede Merkels gehört, was an deren DDR-Vergangenheit liege. Die Union giftet zurück.”

Dazu der Kommentar von Thomas Meyer (siehe obigen Link, Rubrik “Lesermeinungen”): “Recht hat Herr Steinbrück [...] mit seiner ganz sachlich nüchternen, keineswegs beleidigenden Feststellung. Da gibt es nichts daran zu rütteln. Das Geschrei der CDU klingt unglaubwürdig. Wem diese deutliche Sprache nicht passt soll sich zum Teufel scheren. Frau Merkel konnte es nie und wird es auch nie können, nämlich zum Thema Europa so zu reden wie ein Westdeutscher, der damit aufgewachsen ist. So ist das nun mal.”

Und wiederum dazu eine Replik des “Nephilim”-Autoren (ebenda): “Wohl hat Steinbrück recht [...], und doch sollte man ein wenig mehr differenzieren. Natürlich sind Äußerungen wie Merkels gebetsmühlenartig wiederholtes “Scheitert der Euro, scheitert Europa” kein Hinweis darauf, sie sei besonders geeignet dafür, Europa in der Krise zusammenzuhalten (V. Kauder) – schon gar nicht sie allein. Man kann Frau Merkel durchaus unterstellen, ihre DDR-Sozialisation sei eine Ursache dafür, daß sie nicht wirklich europäisch denke und handele, aber sicher ist es nur eine Ursache unter vielen. DDR-Vergangenheit allein ist kein Indiz für mangelnde Leidenschaft in Sachen Europa, ganz im Gegenteil: gerade durch das Leben in der “Zone”, weitgehend eingesperrt und gegängelt, war und ist so mancher “gelernte DDR-Bürger” ein überzeugterer und wahrhaftigerer Europa- und Weltbürger als Thomas Meyers “Westdeutscher, der damit aufgewachsen ist”. Auch so kann das sein.

Integrationsland Deutschland?

April 10th, 2013

“Bundeskanzlerin Merkel sieht Deutschland auf dem Weg zu einem Integrationsland. Mehr als eine Million Kurse für Zuwanderer seit 2005 verdeutlichten diese Entwicklung, sagte Merkel bei einem Festakt anlässlich des 60-jährigen Bestehens des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg. Weiter betonte die Kanzlerin, Gewalt, Hass und Rassismus dürften keinen Platz haben in Deutschland. Mit Blick auf die NSU-Mordserie versicherte sie, die Taten der rechtsextremen Terrorgruppe und ihre Hintergründe würden restlos aufgeklärt.” – meldet am 10. April 2013 Deutschlandradio.de.

So sieht das also die Kanzlerin. Wir fühlen uns an den Ausspruch ihres Vize erinnert: ““Ich bin hier nicht geboren, aber ich fühle mich immer wieder zu Hause. Deutschland ist das coolste Land der Welt” – das Land, in dem laut Rösler die Herkunft keine Rolle spielt.

Wovon träumen denn die beiden und ihre christlich-liberalen Koalitionskollegen? Eine Million Integrationskurse, die nicht einmal die deutsche Sprache ordentlich vermitteln können, die seit Jahren verschleppte Aufklärung des NSU-Netzwerkes mit immer neuen unsäglichen Enthüllungen, Einwanderer, die von einer Vielzahl Deutscher mißachtet werden (z. B. Roma), Asylsuchende, denen Menschenrechte wie jenes auf die freie Wahl des Wohnsitzes verweigert werden (Stichwort “Residenzpflicht”), Quasi-Aufstände von “guten deutschen Bürgern” (deren Großmütter bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ohne Kopftuch nicht aus dem Haus gingen) gegen kopftuchtragende Frauen ohne “Deutschtumsnachweis” und gegen Neubauten muslimischer Gebetshäuser – das alles ist keineswegs die Ausnahme, aber: “Bundeskanzlerin Merkel sieht Deutschland auf dem Weg”!

Der Weg ist lang, fürwahr, und wir sind trotz Einwanderung seit Kriegsende erst am Anfang – “Integrationsland” klingt hübsch, trifft aber keineswegs und nicht einmal ansatzweise zu. Die Integration (übrigens nicht nur die von Einwanderern) kann von Staats wegen erleichtert, aber kaum verordnet werden. Integration (die, soziologisch gesprochen, die Einbeziehung zuvor ausgeschlossen gewesener Menschen meint) findet idealiter zuerst in den Köpfen und Herzen der Menschen statt – oder eben auch nicht. Hier müßte die Regierung beispielhaft wirken, und was geschieht statt dessen? Immer neue Ausgrenzung bei gleichzeitiger Betonierung bereits vorhandener Ausgrenzungsmechanismen.

Ansichten einer Gesellschaft

April 10th, 2013

Erster Artikel in einer losen Reihe von veröffentlichten und unveröffentlichten Rezensionen zu Erfurter Kulturereignissen der Jahre 1988 und 1989. So konnte damals Kulturjournalismus aussehen (oder eben auch nicht).

Die neue Ausstellung in der GAF: Ansichten einer Gesellschaft

(m. n.). „Das Schlaraffenland geht kaputt“ – so steht es an einer Mauer im Westen Berlins geschrieben, und dennoch (oder auch ungeachtet dessen) tanzen „WIR“ zu der in bissigen Worten kaum Mut machenden Melodie des Bundeswalzers von Hans Magnus Enzensberger, welcher einer Zusammenstellung von 130 Fotografien als Motto voransteht. Ein Überblick über den künstlerischen Bildjournalismus der 70er und 80er Jahre in der Bundesrepublik ist, nach Frankfurt, Bielefeld und Düsseldorf, noch bis zum 1. Mai in der Erfurter GAF [seit 1980 „Galerie am Fischmarkt“, nach 1989 „Kunsthalle Erfurt“] zu sehen.

Ursprünglich gab es nur ein Buchprojekt „WIR – Photographen sehen die Bundesrepublik Deutschland“, das von Mitarbeitern der Fachhochschule Bielefeld realisiert und 1984 im Beltz-Verlag herausgegeben wurde. Später entschloß man sich, diese einzigartige Auswahl von Ansichten des Lebens in der Bundesrepublik von heute einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. „Kritische Kamera“ nennt Prof. Boström, einer der Mitinitiatoren, die Art und Weise, wie 49 Fotografen ihre Umwelt sehen und ihre Mitmenschen aufmerksam machen wollen – auf Widersprüche, tabuisierte Themen oder Randerscheinungen, die keiner ernst nehmen will und die dennoch zum Bild der Gesellschaft gehören. Rechtsradikale, Schwule, Ausländer, Prostituierte, Punks und alte Menschen; Manager, Bankangestellte, Damen der Oberschicht, Männergesangvereine, hin und wieder auch spielende Kinder und Kernkraftwerke – dies alles zeigt die Ausstellung. Ihre Komposition baut auf Widersprüche auf, zielt daher auf die Darstellung der gesamten Gesellschaft. Trotzdem wird keine Objektivität angestrebt; es sollen „nur Fragen aufgeworfen und Extreme vorgestellt“ werden. Die „Kunst des Wirklichen“ hat unter westdeutschen Fotografen, die zumeist kritische Darsteller sind, eine lange Tradition, denn besonders die Pressefotografie hat immer wieder eine regulative Funktion und soll Ausgleich schaffen zur heilen Welt der offiziellen Fernsehberichterstattung. Solches zu erfahren, kann für uns zu einem besseren Verständnis der Verhältnisse in unserem Nachbarstaat beitragen.

[Veröffentlicht am 11. April 1989 in den „Thüringer Neuesten Nachrichten“, dem Presseorgan der NDPD von 1951 bis 1990]

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Herr Rösler, Pickelmützen und Birkenstocks

März 10th, 2013

Was für ein Tag! Phoenix berichtete stundenlang vom FDP-Parteitag aus Berlin. Was für eine Show!

Der FDP-Parteivorsitzende Philipp Rösler mit seiner vielleicht größten (besten) Rede, wie manche meinen. Was hat er aber auch für einen grandiosen Rundumschlag hingezaubert, da wurde einem ja richtig schwindelig! Da wurden die mit Birkenstocksandalen einherschleichenden Grünen mit obrigkeitsstaatlichen Pickelmützenträgern verglichen – welche rhetorische Kreativität! Daß es “Pickelmützen” nicht gibt, daß “Pickelhauben” und “Obrigkeit” als Sinnbilder des preußischen Militarismus gelten, daß die Grünen mit allem möglichen in Verbindung gebracht werden können (manche unter ihnen wurden wohl auch schon mit Sandalen gesichtet), wohl kaum aber mit imperialistischer Politik à la Wilhelm Zwo – das sind schon sehr besondere “Tricks” aus der Wahlkampfkiste, wie sie vielleicht nur Herr Rösler draufhat.

Und dann noch ein echter Knaller: “Ich bin hier nicht geboren, aber ich fühle mich immer wieder zu Hause. Deutschland ist das coolste Land der Welt”! Nein, wer hätte das gedacht? Er fühle sich immer wieder zu Hause im coolen Deutschland, wo seiner Ansicht nach Herkunft keine Rolle spiele? Immer wieder! Und was, wenn er mal außerhalb der freiheitlich-demokratischen Rechtsstaatsgrenzen ist? Sieht er dann “Pickelmützen” Arm in Arm mit Steuererhöhungsorgien feiernden Sozen, wie sie sich vor der geballten Kampfkraft der Vierprozentpartei schlotternd im U-Bahn-Schacht verstecken wollen?

froschEin echtes Herzchen, der Vorsitzende, bei dem ganz im Unterschied zu tausenden Flüchtlingen und Einwanderern aus Europa und der übrigen Welt die Herkunft keine Rolle spielt. “Seht her”, scheint er den Allochthonen zuzurufen, “seht her, macht’s wie ich – ist doch ganz einfach!” – Jaja, träum’ er weiter. Ist doch auch schietegal, denn er ist ja wiedergewählt worden! Mit phantastischen 85,7 Prozent – ein echter Achtungserfolg für einen, der so harte Kante zeigt, der auch mal richtig laut säuseln kann! Wurscht, macht alles nichts, Bundestagswahl ist erst im Herbst, und bis dahin kann der Frosch ja noch einige Male aus dem heißen Wasser herausspringen, bis er dann vielleicht doch endlich geschnappt wird.frosch

Wollen wir ihm und seiner Partei die glücklichen Stunden gönnen – bis zur nächsten Demütigung durch die Merkelei, bis zum nächsten Umfallen in irgendeiner der vielen Grundsatzfragen, deren Beantwortung für die Liberaldemokraten so existentiell ist, daß sie sie im Interesse des Machterhalts bei nächster Gelegenheit in ihr Gegenteil verkehren können? Wollen wir? Nöö, eigentlich nicht.